Wenn ich das Kindlein am Nachmittag vom Kindergarten abhole und es dann plötzlich und ganz und gar unvermittelt ausflippt, wenn ich es dann auf den Arm nehme und mein Sohn mir mit der flachen Hand und laut kreischend hart ins Gesicht, auf die Augen, die Nase und die Wangen schlägt und mir wirklich, wirklich weh tut damit, dann könnte ich das auch. Ausflippen, meine ich. Ich setze ihn unsanft auf dem Boden ab, gehe in die Knie und sehe ihm fest in die Augen. Und wenn dann irgendetwas zerreißt und ich die Augen verdrehe und genervt durchatme, dann könnte es sein, dass ich das nicht mal metaphorisch meine.
Ich springe überraschend behände wieder auf die Füße und betaste vorsichtig mein Hinterteil. Dort klafft unübersehbar ein langer Riss von ganz tief unten bis zum Gürtel hinauf und ich bin einen Moment lang glücklich, dass ich nicht die Hauptfigur in einem Marian Keyes Roman bin. Dann trüge ich jetzt unter meiner schwarzen Lieblingshose nämlich keinen teuren, ebenfalls schwarzen Body mit dem winzigen, silberfarbenen Krönchen einer bekannten deutschen Miederwarenmanufaktur am Ausschnitt, sondern einen verschossenen, ausgewaschenen Baumwollschlübber mit Retro-Blümchenmuster. Bin ich aber nicht - eine Romanfigur. Und immerhin hatten nur die besten Freunde meines Kindes einen Panoramablick auf mein Hinterteil. Also zerre ich meinen Pullover ein Stück weiter nach unten, so wie es eben geht, verabschiede mich mit einem gequälten Lächeln und schiebe das Kindlein durch die Tür nach draußen. Saved by the bell, mein Kind - dein Glück.